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09. Seelentief

Morgens muss ich alle Seiten noch mal aufschlagen, weil ich vergessen habe, was ich abends geschrieben hab.
Meine Hände schmecken nach Blut. Kannst du tiefer sinken? Ein Herz, schon halb zerfressen, voller Eifersucht, glaube mir, ich kenne jede deiner Lügen. Ich halte sie fest, Wort für Wort. Ich überleg mir, ob ich mitschreiben sollte, wenn du mir etwas erzählst. Jede deiner Lügen tut mir noch etwas mehr weh, jede deiner Lügen lässt mich noch ein weiteres Stück nach unten sinken, jede deiner Lügen stößt mich von dir ab. Jedes Wort einen Zentimeter. Möchtest du wissen, wie viele Wörter ich schon aufgeschrieben habe?
Manchmal zweifle ich an allem, was du mir erzählst, ich frage mich, ob nicht sogar alles Lügen sind. Ein kleines Spiel.
Ein kleines Spiel, wie damals, kannst du dich erinnern? Langsam kriechst du in mir hoch, du wildes Gestrüpp. Ich verzweifle an dir, schreist du. Ich verzweifle an mir, schreie ich. Die Welten trennen sich wieder voneinander und das Band ist gerissen.
Ewig denke ich daran. Ewig wird der Schmerz sein. Damals.
Und damals. Bitte nimm mir die Worte aus dem Mund, schlitze meine Brust auf und reiße mein Herz in tausend Stücke. Du hast es vorher doch auch so getan, weißt du noch?
Und damals. Schließe meine Augen und puste mir die Gedanken aus dem Kopf. Es war ein Kinderspiel, so wie damals, weißt du noch?
Und damals. Die Haare so wild, die Verwechslung tat mir so unendlich weh, diese schmerzhafte Verwechslung, kann dir nicht sagen wieso. Kann dir nicht sagen wieso es nicht aufhört, niemals aufhört, so wie damals, weißt du noch?
Und damals. Da gab es kein Gestern und Morgen, da gab es nur ein Heute. Keine Verzweiflung, keine Ängste, keine falschen Hoffnungen, keine Versprechen, die nicht gehalten wurden. Keine Anderen, keine tote Welt um uns herum. Keine Angst, keine Angst mehr, nie, weißt du noch?
Und damals. Alles nehme ich in meine Hände, alles tue ich, weil du es magst. Scherben und ich gehe auf ihnen, ich gehe immer weiter, weil ich sie nicht sehe, die Scherben. Ich trete sie mir in die Füße, weil du es magst. Du hältst mir die Augen zu, weißt du noch?
Und damals. Ich vertraue dir. Du bist so anders. Du gibst mir ein Gefühl von Beständigkeit. Du schenkst mir die Gabe, zu FÜHLEN, weißt du noch?
Und dann. Ein Moment, du bist nicht da. Alles verändert sich so schlagartig. Wir sind doch nur Kinder. Ich bin doch nur ein Kind. Ich habe nichts getan. Du kannst es nicht wissen.
Und dann. Ein Moment, du bist nicht da. Alles wiederholt sich. Es wird immer schlimmer. Ich kann es nicht mehr aushalten. Es ist alles in meinem Kopf und ich bekomme es da nicht mehr heraus. Du kannst es nicht wissen.
Und dann. Du glaubst mir nicht. Du siehst mich nicht mehr an. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Du gibst mir keinen Halt mehr. Warum hältst du mich nicht, wenn ich doch falle. Ich weiß doch, du kannst es genau sehen.
Und heute. Du stehst auf, und das Erste was du siehst ist sie. Und du fragst dich, wieso sie so strahlt.
Und du hast dich nie gefragt, warum ich nicht strahle.

 

4.2.07 20:33
 


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