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Point Blank

Sicher, es ist nicht leicht…
Warum lasse ich mir das Alles nur gefallen? Egal, wo man auch ist, wo man auch hinkommt… Überall vertrieben. Von der eigenen Sippschaft vertrieben. Vertrieben.

Verachtung und Vertreibung, die eigene Familie gegen mich selbst. Tränen? Welche Tränen denn? Es gibt keine Tränen mehr, die dieser Schande wert wären. Es gibt keine Tränen mehr. Keine Tränen für nichts. Alles ausgerottet. Alles tot. Alles tot in mir. Gefühle? Sag mir, was Gefühle sind. Ich denke, ich habe das fast schon vergessen. Ich spüre nichts mehr. Keinen Hass. Liebe sowieso nicht mehr. Liebe war etwas, was sich schon am Anfang meines Weges in der Unendlichkeit des Nutzlosen verlor. Andere Gefühle mögen wohl irgendwo dazwischen liegen… Ich weiß es nicht, ich kenne sie nicht mehr. Schon so lange atme ich in der Luft, die mir nicht mehr gegönnt, nicht mehr gelassen wird… Was soll ich also noch hier? Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel… Die Welt ist nur ein elendiges Spiel. Ein elendiges, ewiges Auf und Ab. Ein Hoffen, ein Beten, ein armseliger Gedanke. Ein Sterben, ein Verenden, Vollendung der Armseligkeit.

Wie edel doch früher dein Gesicht war... Jetzt bist du nicht mehr als ein Abbild. Ein Abbild deiner selbst, aber die Anderen merken es ja zum Glück nicht. Nur ich scheine es zu bemerken, wie hässlich du geworden bist. Deine Anmut ist verschwunden, sag, was hast du mit ihr gemacht? Dein Blick ist nur noch stumpf. Stumpf und leer. Sag, wem hast du deine Blicke geschenkt? Deine edle Seele, die stets aufrichtig, ehrlich und treu war… Du hast deine Seele auf der Strecke gelassen. Und schau mich jetzt gefälligst nicht so an, mit deinem stumpfen, leeren Blick, als wüsstest du nicht, wovon ich rede!
Du hässliches Ding, du Geschöpf… Was willst du nun noch von mir, mit deiner verkümmerten Seele? Ich verabscheue dich. Nein, ich hasse dich nicht, ich verabscheu dich. Mehr noch als mich selbst…

3.1.07 17:09


Schakal

Streifend durch die tödliche Hitze einer kranken Seele – ein lebensmüder Schakal unter der roten Sonne meines Seelenabgrunds, der sich aufgetan hat, um ihn zu verschlingen. In der Ferne ein Flackern, ein unruhiger Lichtschein. Dort lodert das Feuer des Neides, das die letzten Stücke einer alten Liebe verbrennt. Ja, verbrenne sie, und lass sie niemals zurückkehren… Lichterloh brannte auch dein Haar, nachdem du zu mir gekommen warst. Ich hatte deinen Körper in Brand gesteckt, nachdem du mir gesagt hattest, dass du und er… Ja, ich weiß schon noch, was ich tue. Du sollst ihn nicht bekommen. Lichterloh brannten deine Haare, weißt du, wie du gestunken hast? Das hätte dein zartes Näschen kaum ausgehalten, wenn es noch im Stande gewesen wäre, die Luft… Wie schnell dein Haar abgebrannt war, bis auf die scharlachrote Kopfhaut, wo es nur noch in winzigen Klümpchen vorhanden war, wenn nicht sogar als Asche auf deiner Bluse. Und wie du geschrieen hast…! Und dann rieselte die Asche langsam in meinen Wüstensand, der erst sie und dann schließlich auch dich auffraß. Du warst so plötzlich verschwunden, wie du gekommen warst. Und nun gräbt dieser elendige Schakal nach dir, immer und immer weiter und er hört nicht auf, bis er endlich die letzten Stücke deines hässlichen Körpers freigelegt hat. Die Sandstürme machen ihm gar nichts aus, er gräbt unaufhörlich immer weiter nach dir. Kein Betteln, kein Locken bringt ihn von diesem Platz fort. Und dann kommt dein Körper wieder vollständig zum Vorschein. Doch anstatt dich mit Haut und Haaren zu verschlingen, riecht er an deinem Körper. Der Geruch widert ihn sichtlich an und er wendet sich langsam ab… Doch eine Nacht verbringt er noch neben deinem toten Körper, hält eine Totenwache und heult um dich, die halbe Nacht. Aber schon am nächsten Morgen ist er wieder fort. Dein Körper liegt immer noch da, im Wüstensand, und einige Aasgeier haben dir schon die Augen ausgehackt und deine süchtigen Lippen gefressen. Ich habe keine Lust mehr, dich weiter zu verstecken. Ich überlasse dich den aasgierigen Tieren, die ununterbrochen Löcher in dich schlagen, und ich überlege, ob ich dir die Leiden des Prometheus hätte schenken sollen, dem bei lebendigem Leib immer wieder die Leber abgefressen wurde…

Der Schakal schlägt sich tapfer durch die Hitze, er erreicht meine Tore. Doch all sein Winseln, all sein Flehen bringen ihn nicht weiter. Er sieht so mitleidserregend aus, wenn er nicht weiß, was er machen soll. Ich strecke meine Hand nach seiner mit Narben übersäten Haut aus, denn er hat kein Fell, und er beißt zu. Die Wunde ist nicht tief, aber schmerzhaft, jedoch erträglich. Ich ziehe die Hand nicht zurück, sie strebt nach dem gleichen Ziel wie zuvor. Und diesmal erreicht sie es auch, wenn auch von reichlichen Drohgebärden empfangen. Mein Blut läuft über die größte Narbe des Tieres und es ist auf einmal still, blickt fast zahm aus den wild glühenden Augen. Der Schakal wendet sich meiner frischen Wunde zu, leckt sie, heilt sie. Doch die Wunde, die er in mein Herz gerissen hat, mit dir zusammen, die wird er nicht heilen können. Die wird immer weiter bluten, still und unbemerkt. Und genauso still werde ich an ihr verenden, ohne dass er auch nur von ihr und ihrem Ausmaß weiß…

3.1.07 17:10


Bewusstlosigkeit

Die Einsicht kommt so spät… Ich weiß doch genau, was du von alledem hältst. Doch bitte sag es mir nicht, ich könnte es nicht ertragen…

All das ist nun schon so lange her, und wenn ich dich heute in meinen Armen halte, erscheint mir alles so weit weg. Du hast mal gesagt, ich würde später über all das lachen, was ich damals getan und gesagt und gefühlt habe. Nun, das tue ich aber nicht.
Ich lache weder über das, was ich getan habe, denn ich tat es aus Instinkt, aus einem Bauchgefühl heraus, ohne dass ich auch nur einmal meinen Verstand benutzt habe. Und ich denke, dass dies richtig war. Etwas, das richtig war, grade weil ich nicht meinen Verstand benutzt habe.
Ich lache auch nicht über das, was ich gesagt oder gefühlt habe, denn ich habe alles ehrlich gemeint, ich habe dich nie belogen, ich habe fast immer gesagt, was ich gefühlt habe und ich denke, man sollte nie über Gefühle lachen…
Dass daraus so etwas Großes entstanden ist, haben weder du noch ich vorher sehen können. Es ist schön, das Gefühl zu haben, dass du immer da bist, ich fühle mich endlich nicht mehr seelisch allein gelassen.
Warum habe ich damals diesen großen Fehler begangen, und dir nicht alles gesagt, was ich für dich empfinde? Dass da außer seelischer Verbundenheit mehr ist, viel mehr, wahnsinnig viel mehr.
Ich war einfach zu feige, es dir zu sagen. Und genau daran denke ich, wenn wir uns wie gute Freunde begrüßen, zusammen trinken gehen. Und daran denke ich, wenn ich euch zusammen sehe, und wenn du deinen Kopf auf ihren Schoß legst. Und daran denke ich, wenn du dich an sie drückst, und wenn du sie küsst. Und daran werde ich ewig denken. Denn ich könnte jetzt genauso an ihrer Stelle sein, und das Einzige, was all dies verhindert hat, war eine gewaltige Lüge und meine elendige Feigheit.

Bitte, keine Worte mehr! Nur noch Stille, bis zum Ende...

5.1.07 20:35


Leben lassen

Du wirfst dir die Nacht um die Schultern
wie einen Mantel,
drehst dich um
und gehst -
mich nicht beachtend -
deinen Weg zurück.

18.1.07 17:00


01. Liebe

Wie Theater der Träume schreibe ich jetzt wieder an einem Zyklus. Die Chronik des Vergessens wird insgesamt 12 Teile umfassen. Alles in allem eigentlich eine zusammenhängende Kurzgeschichte, die jeden Tag um einen Teil reicher werden wird.

Wenn du mich ansehen würdest, dann wüsstest du genau, dass du schon längst gewonnen hast Aber du siehst mich nicht an. Ich will in deine Augen tauchen, mein Lieber. Ich kann es nicht aushalten, dass du mich ignorierst. Du siehst doch, was mit mir passiert, was mit mir passiert ist. Ich sauge an meinen Lippen bis sie blutleer sind Ich sauge an meinem Handgelenk bis es genauso blutunterlaufen ist wie meine Augen. Siehst du, wie trüb meine Augen plötzlich geworden sind? Warum fragst du mich nicht danach? Bemerkst du es nicht? Dir fällt erst jetzt auf, dass ich plötzlich drei Ohrringe pro Ohr trage.
Und der Leberfleck an meinem Hals, der schon ewig sich an diesem Ort befindet. Du fragst mich, was das ist. Ich sage, es ist ein Leberfleck. Wie kommt der denn dahin, fragst du. Ich sage, er ist schon seit einer Ewigkeit dort
Du hast ihn nur noch nie wirklich bemerkt, weil du mich noch nie wirklich ganz betrachtet hast, aber das sage ich dir nicht. Das denke ich nur. Ich wünschte, du könntest doch meine Gedanken lesen, und du würdest jetzt genau wissen, was du jetzt, genau jetzt machen sollst Doch stattdessen sitzt du immer noch mir gegenüber, trinkst dein Bier und starrst auf den neu entdeckten Leberfleck an meinem Hals. Ich dachte, ich wäre dir so wichtig. Wie kann man sich nur so in einem Menschen täuschen. Und ich erwarte auch noch von dir, dass du genau weißt, was du wann tun sollst, dass du genau weißt, was du sagen sollst, dass du genau weißt, was du wann fragen sollst, dass du genau weißt, dass du fragen sollst. Dass du genau weißt, was ich fühle. Dass du genau weißt, was ich denke. Dass du genau weißt, was ich dir nicht sage. Dass du mich so ansiehst, als wüsstest du all das
Du solltest es wissen, wenn du noch so weitermachen möchtest. Warum weißt du denn das alles nicht?
Weißt du, was ich grade denke, wenn ich dich ansehe? Ich dachte, du würdest es stets in meinen Augen lesen können.
Und wenn du mich liebst, siehst du da wirklich mir in die Augen? Oder siehst du vielmehr in die Augen von jemandem anderen? Siehst du nicht viel eher in die Augen einer Unbekannten? Siehst du nicht viel eher in die Augen eines Mädchens, dass dir völlig fremd ist? Oder denkst du, du kennst mich wirklich? Ist es das? Denkst du, ich bin berechenbar? Oder siehst du gar nicht in meine Augen? Siehst du durch meine Augen in meinen Kopf? Was siehst du denn da? Siehst du, was meine Gedanken machen? Gefällt es dir, was meine Gedanken, da so treiben? Gefällt dir, was du da siehst? Oder siehst du gar nicht in meine Augen? Siehst du doch in die Augen einer Unbekannten?
Ich habe dir viel zu viel von mir gegeben.

26.1.07 21:28


02. Angst

Was machst du da? Was machst du da mit meinen Gedanken? Ich warne dich, vergiss nie, was ich dir sage. Denn wenn du es jemals vergessen solltest, dann hast du verloren. Dann hast du mich verloren. Wenn du vergisst, was ich dir alles anvertraue, wenn du auch nur ein Wort von alledem vergisst
Du schaust so an mir vorbei. Bist du wieder neu verliebt? Wer ist sie, kenne ich sie? Ich frage dich, obwohl ich alle Antworten kenne. Ich will es von dir wissen, sag es mir, verdammt noch mal.
Warum schaust du die da so an? Und warum werden deine Hände plötzlich so kalt? Warum rutschen deine Hände von meinem Körper? Wohin wollen nur deine Hände? Und warum ist dein Blick wieder so leer? Warum ist dein Blick so kalt? Warum bist du so kalt zu mir? Ich gebe dir jeden Tag ein Stück mehr meines Verstandes
Hey, sag mir, was hat sie an sich, dass du sie so anschaust? An wen erinnert dich dieses fremde Mädchen? An mich, so wie ich früher war? Aber so bin ich nicht mehr, leider. Nein, nein Oder ist sie dir gar nicht fremd? Sag, woher kennst du die da?... Oder willst du mich wieder zurück? Willst du mich wie ich früher war? Das geht nicht mehr, ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, ich kann nicht ändern was geschehen ist, und das kannst du genauso wenig wie ich. Schämst du dich nicht dafür? Tut dir das weh, mich so verändert zu sehen? Willst du, dass ich wieder die Alte werden? Ich sehe dir an, dass du das willst. Gib es zu. Gib es doch endlich zu. Ich kann aber nie, nie wieder so sein wie vorher, das musst du verstehen. Das weißt du doch?! Egal was du auch anstellst, es ändert nichts an der Situation?
Wollen wir nicht tanzen, fragst du. Nein, sage ich, WIR wollen nicht tanzen. Deine Augen sind so grau wie der Himmel. Sie sind so grau wie der Dreck auf den Straßen. Sie sind so grau wie Staub.
Ich frage dich, ob ich deine Augen für dich putzen soll. Wie bitte, fragst du. Sie sind verstaubt, antworte ich. Du schaust mich so komisch an. Hör jetzt auf damit, sagst du. Sie sind verstaubt, sage ich. Du bleibst stumm und starrst die andere wieder an. Hör auf, die Leute schauen schon, sagst du dann. Nein, denke ich, die andere schaut schon. Sie sind verstaubt, wiederhole ich ein drittes Mal. Du funkelst mich böse an. Halte den Mund, sonst
, beginnst du. Was sonst, frage ich. Du stehst auf, nimmst wortlos deinen Mantel und gehst. Sie sind doch so verstaubt, flüstere ich leise.

26.1.07 21:29


03. Hiebe

Ich laufe dir hinterher.
Warte, rufe ich. Du gehst immer weiter. Ich erreiche dich atemlos, fasse nach deiner Hand. Du schüttelst mich ab. Erklär mir, was das alles soll, sagst du beim Gehen, was soll das alles bedeuten? Sag es mir. Ich schaue auf den Boden. Dann schaue ich fest in deine Richtung. Sie sind aber verstaubt, sage ich mit zusammengekniffen Augen. Ich sehe es von hier aus, selbst wenn du mich nicht ansiehst. Du bleibst stehen. Hörst du jetzt mal gefälligst auf damit, verflucht, brüllst du. Um uns ist es ganz still. Es ist so dunkel hier. Jetzt bist du es, der mich atemlos und wutentbrannt ansieht. Bist du völlig verrückt geworden, fragst du. Ich drehe mich zum Gehen. Der gefrorene Schnee knackt unter meinen Schritten. Bleib hier, wenn ich mit dir rede, rufst du. Aber ich höre nicht, denn jetzt gehe ich immer weiter. Ich gehe soweit, wie ich will. Und jetzt läufst plötzlich du hinter mir her. Hier, sage ich und deute auf meinen Oberkörper, hier triffst du mich. Ich verstehe dich nicht, sagst du. Ich weiß, will ich sagen, aber ich tue es nicht, ich schweige nur. Was willst du mir damit sagen, fragst du. Damit will ich sagen, dass du mir hier ganz besonders wehtust. Genau hier, ich deute auf mein Herz, hier treffen mich deine Tritte. Wortlos gehe ich weiter. Immer langsamer wirst du neben mir. Es tut mir leid, sagst du zu mir. Du weißt ja nicht einmal, was dir da grade Leid tut, sage ich. Du schweigst endlich wieder. Gut so, denn ich möchte am liebsten grade gar nichts mehr von dir hören. Du wendest deinen Kopf in meine Richtung. Nein, den Gefallen tue ich dir nicht, mein Lieber, ich werde dich jetzt ganz bestimmt nicht mehr ansehen. Verstohlen senkt sich dein Blick auf den Boden. Im Licht der Laternen sehe ich etwas auf deiner rechten Wange blitzen. Nein, das kann keine Träne sein. Ich hätte nie gedacht, dass du mir mal die Ehre zukommen lässt, in meiner Gegenwart zu heulen.
Hast du was im Auge, frage ich ohne Anteilnahme. Du versuchst erst unauffällig dir mit dem Handrücken über die Wangen zu streichen. Was ist denn los, frage ich genervt. Dann brechen dir die Beine weg, du brichst zusammen, hältst dir den Kopf und weinst. Soll ich einen Krankenwagen rufen, frage ich. Verschwinde endlich, schreist du. Ich nehme dich beim Wort.

27.1.07 20:59


04. Hass

Dann nimm deine Sachen und geh, geh endlich, sagst du. Aber mein Weg ist noch so weit Doch wenn ich jetzt schon aufgebe, bevor ich wirklich angefangen habe, dann werde ich es ja nie schaffen. Warum schaust du mich denn jetzt so an, frage ich. Ein zorniger Blick trifft mich endlich wieder. Und ich sage mir, wenn du jetzt nicht endlich gehst, dann gehst du nie.
Endlich krieche ich aus deiner Höhle, wickle mich aus deinem Lügennetz. Die Straßen sind überflutet von Sonnenlicht und rote und gelbe Strahlen treffen direkt meine Augen. Öffne sie, fleht eine Stimme in mir, öffne endlich deine Augen. Ich fühle mich wie ein Neugeborenes, auf dem Weg in ein unbekanntes Paradies. Endlich aus dem stinkenden, lärmenden Bauch der alten Mutter gerissen, taumelnd vor Wonne, geifernd nach Lust. Hinaus, hinaus. Und wir wandeln an den verdreckten Straßen entlang. Schau, dort hinten, da standen wir beide immer und haben die Leute beobachtet. Und da haben wir uns das erste Mal geküsst. Als wäre es gestern gewesen, dass ich von Innen an deinem Busen gesaugt habe. Sag, hast du es da vernommen? So ewig, wie wir uns bekannt waren, meinst du nicht, es ist an der Zeit loszulassen?
Und dort wirst du mit ihr stehen und sie umarmen, dort werdet ihr sitzen, du mit ihr auf dem Schoß. Dort wirst du sie küssen und dort werdet ihr

Hm, riechst du, wie das Fleisch in den Öfen verbrennt, frage ich dich. Und du schaust mich entgeistert an. Es ist so schön in der kalten Wintersonne.
Damals, als ich unterkühlt war. Das wird schon ein paar Jahre her sein, damals, da war ich noch so verrückt. Wir haben uns betrunken, und dann bin ich aufgesprungen, habe mir nach und nach die Klamotten vom Leib gezerrt und bin barfuss durch den tiefen Schnee gesprungen. Oh nein, lieber, dunkler Mann, ich komme nicht unter deine Flügel, habe ich gerufen. Ich war verrückt. Verrückt und unterkühlt. Du hast mich dann wieder irgendwie zur Vernunft gebracht. So muss alles angefangen haben. Oh, wie ich diesen Tag verfluche. Hätten wir uns bloß nie gesehen. Und jetzt wirst du dorthin mit ihr gehen und sie wird durch den Tiefschnee springen so wie ich damals. Und dann wird sie rufen, oh nein, lieber, dunkler Mann, ich komme nicht unter deine Flügel. Aber sie wird nicht verstehen, was es bedeutet. Es ist ein Zauberspruch. Es ist ein Spruch, um sie zu vertreiben. Und wenn sie ihn sagt, wenn sie so durch den Schnee hüpft, dann wird er erst recht kommen, seine Flügel über sie ausbreiten und sie mitnehmen, diese Libelle mit den grauen Flügelspitzen

28.1.07 21:29


05. Vertrauensverlust

Geplatzte Lippenträume. Der Weg erscheint mir immer noch zu weit, ich bin noch nicht bereit ihn zu gehen. Hass Hass Noch viel zu viel Hass schläft tief in mir. Du zehrst an meinem Herzen, ernährst dich von ausgeblutetem Fleisch. In der Luft zerrissen sind alle meine Gedanken, deine Bilder schon längst von meinen Wänden gewichen und in aufgegangen in einer lodernden, hungrigen Flamme. Hungriger als ich. Verlorene Hoffnungen. Erklär mir, was du da machst. Ich kann nicht mehr weiter so tun, als wäre alles normal zwischen uns beiden. Komm, nimm dieses Taschentuch und wisch dir das Blut aus den Augen. Warum tust du so, als würde ich dich verletzten, wo doch du es bist, der mich all die Zeit gequält hat? Warum tust du die ganze Zeit so, als würde ich dich mit jedem weiteren Atemzug umbringen? Du zerstörst mich doch, die ganze Zeit. Die ganze Zeit denke ich darüber nach, wie ich es dir recht machen könnte. Die ganze Zeit über habe ich getan was ich konnte, und du? Hast du mir gegenüber jemals ein Wort des Dankes geäußert? Hast du jemals mit deinen eigenen Augen gesehen, was ich nur durch meinen Willen, nur durch meine harte Arbeit an mir selbst und an uns geschafft und erreicht habe? Wenn du es gesehen hast, warum hast du nichts gesagt? Hast du es als einfache Gegebenheit verstanden? Hast du es als selbstverständlich hingenommen? Hast du es überhaupt gesehen?
Oh, bitte, was soll jetzt aus unseren Träumen werden? Was soll jetzt aus mir werden? Du warst meine Zukunft, du warst mein Ziel. Sag mir, was ich jetzt nur tun soll, ohne dich?
Erklär mir, was du da machst. Erklär mir, warum du das machst. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr!

30.1.07 22:43


06. Abgründe

Weißt du was, sage ich, ich habe der Libelle diese hässlichen Flügel ausgerissen, damit sie dich nicht mehr so umschwirren kann, damit sie dich nicht mehr von dieser kleinen Distanz sehnsüchtig anschauen kann. Denn das darf nur ich. Du gehörst mir, mir allein. Ich will dich zwar nicht mehr, aber du musst trotzdem tun, was ich dir sage, hast du gehört?...
Die Libelle ist zu Boden gefallen und plötzlich sah sie auch nicht mehr so grazil aus. Ihr steifer, kalter Körper fiel mit einem Mal zu Boden und bewegte sich nicht mehr. Aber jetzt sag nicht, ich hätte sie getötet. Das hab ich nicht, ich hab ihr lediglich die grauen Flügelspitzen abgeschnitten. Und als mir das dann nicht mehr gereicht hat, da hab ich die kümmerlichen Reste einfach aus ihr heraus gerissen. Aber sag nicht, ich hätte sie umgebracht.
Sie ist immer so um dich herumgeschwirrt, von links nach rechts und wieder zurück, das hat mich gestört. Ich musste sie einfach fangen und ihr ihre Flügel herausrupfen, sonst hätte sie doch nie damit aufgehört deinen Kopf zu umschwirren. Ihre Flügelspitzen bewahre ich mir auf, denn damit werde ich jetzt alle Männer, die daherlaufen verführen. Sie war doch schön, findest du nicht, frage ich dich. Sie war doch so schön. Und selbst als ich ihr die Flügel aus dem Körper gerissen hab, selbst in diesem Moment war sie noch schön. Und nachdem ich dann die Flügel endlich in meinen Händen hielt da ist sie ganz plötzlich mit einem Mal zu Boden gefallen und hat sich nicht mehr bewegt. Aber selbst als sie gefallen ist, da war sie noch schön. Und da wo sie jetzt liegt, da lag sie vorhin auch schon, ich glaube sie bewegt sich gar nicht mehr. Nach ihrem Sturz, als sie da auf dem Boden lag, selbst da war sie noch schön. Selbst jetzt ist sie noch schön.
Verstört schaust du mich an, die Lippen halb geöffnet, kurz davor, ein Wort zu Formen. Doch du sagst nichts.
Sag, findest du sie nicht auch noch jetzt sehr schön, wie sie daliegt, sie ist doch immer noch schön, sag, findest du sie nicht immer noch schön, frage ich dich.

30.1.07 22:44





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